Archiv für Januar, 2009

Rattenplage in Berlin

Posted in Wirtschaft & Politik with tags , , , , on Januar 19, 2009 by staunenundwundern

oder: wie die posierlichen Nager die wirtschaftspolitische Inkompetenz bei der FDP entlarven

Gerade habe ich gelesen, dass Berlin im Dezember von einer Rattenplage biblischen Ausmasses heimgesucht wurde. Und prompt stand die FDP Beifuss um mit einer marktwirtschaftlichen Loesung dieses Problems aufzuwarten. Konkret hatte Henner Schmitt, der Vorsitzende der FDP Berlin Mitte vorgeschlagen, mittels einer Fangpraemie von 1 € Anreize zur Treibjagd auf die Stoerenfriede zu  schaffen. Seiner Meinung nach koennten gerade die Mitbuerger von diesem System profitieren, welche sich ihr HartzIV-Taschengeld normalerweise mit dem Sammeln von Pfandflaschen aufbessern.

Mittlerweile, nach Protesten u.a. von Arbeitslosenverbaenden, wurde der Vorschlag laengst wieder zurueckgezogen. Aber nicht weil es oekonomisch gesehen Unsinn ist eine Praemie fuer erlegte Ratten zu zahlen, sondern menschenverachtend auch nur in Erwaegung zu ziehen Arbeitslosen die Jagd auf Nager als Einkommensquelle zu erschliessen.

Ueber die Idiotie seines Vorschlages haette Herr Schmitt z.B. bei dem britischen Schriftsteller Terry Pratchett lesen koennen. Als Ankh-Morpork, die Hauptstadt der von ihm erdachten Scheibenwelt unter einer Rattenplage litt, hatten die Stadtoberen genau den selben glorreichen Gedanken wie unser FDP-Vorsitzender. Fuer jeden Rattenschwanz zahlten sie 5 cent. Jedoch wurde im weiteren Verlauf die Plage immer schlimmer, bis die Regierung keinen anderen Ausweg mehr wusste als die zahlreichen neu entstandenen Rattenfarmen zu besteuern. Der Humorist und Fantasy-Autor beschreibt sehr eindruecklich, wie gut gemeinte oekonomische Anreize zum Gegenteil des gewuenschten Ergebnisses fuehren. 

Darueber hinaus hat Herr Schmitt auch nicht bedacht: Wuerden alle Berliner Arbeitslosen damit anfangen Ratten zu zuechten, dann waere dies das Ende des Pfandsystems der Hauptstadt.

McKinsey statt Marx

Posted in Wirtschaft & Politik with tags , , , , , on Januar 16, 2009 by staunenundwundern

Im 19. Jahr nach Scheitern des realsozialistischen Experiments erfahren wir endlich die wahren Gruende dafuer. Die Kommunisten hatten einfach die falschen Berater. Haette Gorbatschow sich – statt Glasnost und Perestroika auszurufen – Ende der 80ern vertrauensvoll an die einschlaegigen Unternehmensberatungen gewandt, sicher waere der Ostblock dann nicht zusammengebrochen.

Angesichts der weltweiten Rezession ertoent jetzt naemlich auch aus den Reihen von McKinsey der Ruf nach umfassender Verstaatlichung, ergo einem neuen sozialistischen Experiment, wie die WAZ zu berichten wusste: 

Der McKinsey-Manager Jürgen Kluge hat sich für den Aufbau einer zweiten Treuhandanstalt zur Absicherung von Unternehmen in der Finanzkrise ausgesprochen. Die Anstalt solle im Notfall auch im Kern gesunde Unternehmen verstaatlichen können. ‚Ich bin ein überzeugter Marktwirtschaftler, ich sehe aber auch durch meine Klientengespräche, in welcher Größenordnung eine Pleitewelle auf uns zukommt. Deshalb habe ich Anfang Dezember bei NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den Deutschlandfonds angeregt‘, sagte Jürgen Kluge, Chef der Sparte ‚Öffenlicher Sektor‘ der internationalen Unternehmensberatung, gestern auf Anfrage der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ, 9.1.2008).

Der Deutschlandfonds soll all die Unternehmen auffangen, welche „im Kern gesund“ durch die Rezession vom Bankrott bedroht sind. Nun braucht der Politiker natuerlich auch noch jemanden, der ihm sagt, welche Unternehmen denn eigentlich kerngesund sind. Wer wird das wohl sein, und was wird diese Einschaetzung den Steuerzahler wohl kosten? Und warum ist Verstaatlichung ploetzlich kein Sozialismus mehr? Erst haben unsere „Volksvertreter“ sich bei der Verschleuderung oeffentlichen Eigentums teuer von McKinsey und Co. beraten lassen, jetzt lassen sie sich beim Aufkauf des ganzen Schrotts, den keiner mehr braucht genauso teuer beraten. Toll! 

Treuhand II finde ich uebrigens einen passenden Namen. Die Treuhand I war ja bekanntlich die Verbrecherorganisation, welche das Eigentum der ostdeutschen Buerger an westdeutsche Firmen verschenkte und nochmal etliche Milliarden obendrauf legte. Ich bin mal gespannt, fuer wie wenig die staatlichen Firmen dann wieder „verkauft“ werden, falls sie ueberhaupt noch mal was Wert sind.

Wir koennen nur hoffen, dass es noch ein paar vernuenftige Politiker gibt und der Deutschlandfond nicht kommt. Falls doch rege ich schon mal an,  dass sich CDU und SPD von McKinsey bei ihrer Fusion beraten lassen sollten; Bei der Fusion zur neuen SED.

God bless Salone

Posted in Sierra Leone with tags , , , , , on Januar 15, 2009 by staunenundwundern

Gestern Abend hatte ich das Vergnuegen an einem original afrikanischen Gottesdienst teilzunehmen. Wir wurden von einem Freund in die „Church of Salvation“ eingeladen. Diese wurde von einem Leonesen im Jahre des Herrn 1948 gegruendet und erfreut sich seither hier und auch in den Nachbarlaendern wachsender Beliebtheit.

Die Maenner mussten lange Hosen tragen, die Frauen Kopftuch, das Gotteshauses (im ersten Stock eines Gebaeudes, was ich so auch noch nicht gesehen habe) durfte nur mit nackten Fuessen betreten werden und die Geschlechter sassen natuerlich getrennt. Zum Gebet haben wir uns auf den blanken Boden gekniet, einige haben sich auch Flach auf demselben ausgestreckt. Was ich anfangs als eine Geste groesster Demut gedeutet habe interpretiere ich nun jedoch als reine Bequemlichkeit. Denn bereits nach wenigen Minuten begannen meine Knie gegen die Folter zu protestieren. Es leben die gepolsterten Kniebaenke der katholischen Kirche habe ich mir da nur gedacht.

Bis dahin war der ganze Gottesdienst noch nicht sehr afrikanisch, aber die brauchen hier wohl auch etwas Zeit um in Fahrt zu kommen. Erst zum zweiten Lied setzte das Schlagzeug ein, das hier die Grundlage der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes darstellt. Wie bei uns die Orgel. Und klar, die Glaeubigen haben auch angefangen zu Klatschen, sich rhytmisch zu bewegen oder gleich durch die Kirche zu tanzen. Auch unsere Fuesse gehorchten dem Taktschlag, es war einfach unmoeglich stillzustehen. Und die Augen wanderten auch wie von selbst zur Seite der Damen. Ein afrikanischer Frauenhintern in Aktion scheint eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Kein Wunder, dass die hier so gerne und haeufig in die Kirche gehen.

Waehrend der Predigt hoerten wir die rufe des Muezzin von der benachbarten Moschee. Islam und Christentum in saemtlichen Spielarten leben hier sehr friedlich Seite an Seite. Religionskonflikte sind in Sierra Leone unbekannt. Kann man auch verstehen. Diamanten sind schliesslich ein viel besserer und auch greifbarer Grund sich gegenseitig mit Macheten zu massakrieren als DIE offenbarte Wahrheit oder das Seelenheil. Kann man sich im Zweifel auch mehr davon kaufen. Obwohl…ich habe den Eindruck, dass auch die Religion ein ziemlich eintraegliches Geschaeft geworden ist. Vor der Kollekte wies der Bischof sehr geradeheraus darauf hin, wie viel Leons er denn von jedem seiner Schaefchen erwartet.

In Freetown giebt es wohl hunderte von Gebetshaeusern der verschiedensten Religionen, ich habe alleine mindestens 4 Koenigreichhallen der Zeugen Jehovahs gezaehlt, bei den weiteren christlichen Konfessionen habe ich laengst den Ueberblick verloren. Es gibt Methiodisten, Baptisten, Evangelikale, Katholiken, Wiedertaeufer (born again church), die schon genannte Church of Salvation. Auch die Moscheen habe ich aufgehoert zu zaehlen, alle sehr schoen mit Minaretten verziert, die auch manchmal hoeher ragen als der Kirchturm auf der gegenueberliegen Strassenseite. Stoert hier aber keinen. Als wir die zweitgroesste Stadt Sierra Leones, Bo, besuchten, konnten wir abends nicht einschlafen, weil in der Nachbarschaft um 0 Uhr ein Gottesdienst begonnen hatte, der sich inkl. flammender Predigt und Schlagzeug bis um 3 Uhr in der Fruehe hinzog. Puenktlich zum Sonnenaufgang ertoente wieder das muslimische Morgengebet von der Moschee her und es war vorbei mit der Nachtruhe. In Momenten wie diesen fragt man sich dann , ob das hier nicht doch etwas uebertrieben wird mit der Religion.

Diese ist auch auf den Strassen allgegenwaertig. Denn die Verzierungen der Poda-Podas (der Minibus-Taxis) weissen eindeutig auf die Religion des Fahrers hin. Man findet Aufschriften wie: „God bless Islam“, „Jesus saves“, „Jehovahs Jirre“, „Manchester United“ und neurdings auch hin und wieder Bekenntnisse zum neuen Erloeser „Barack Obama“. Gerade erst dieses Jahr sind die Poda-Fahrer auf die Idee gekommen auch weniger relevante Informationen auf ihre Busse zu pinseln wie etwa die Strecke die bedient wird.

In diesem Sinne ein herzliches Gruess Gott aus Sierra Leone

Renten-Ponzi?

Posted in Wirtschaft & Politik with tags , , , , on Januar 14, 2009 by staunenundwundern

Ponzis Pyramidenspiel

Dezember vergangenen Jahres wurde der angesehene New Yorker Investor Bernhard L.  Madoff wegen Betrugsverdacht vom FBI festgenommen. Dem Mitbegruender der Technologieboerse NASDAQ wird vorgeworfen, mit seiner Investmentfirma ein Pyramidenspiel betrieben zu haben. Dabei seien die versprochenen Gewinne ueber immer neuen Kundeneinlagen und nicht ueber die Renditen getaetigter Investitionen finanziert worden.

Diese Form von Anlagebetrug ging erstmals als „Ponzi-Trick“ in die Geschichtsbuecher ein. Der italienische Emmigrant hatte in den USA der 20er zweimal versucht mittels eines Pyramidenspiels zu Vermoegen zu gelangen, beide male brach die Pyramide jedoch zusammen und Ponzi wanderte jeweils fuer mehrere Jahre ins Gefaengnis.

Bei einem Pyramidenspiel (synonym Schneeballsystem) oder „Ponzi-Trick“ handelt es sich um ein als Anlageverfahren getarntes Umlageverfahren. Durch hohe Rendite gekoederte Anleger werden nicht aus erwirtschafteten Gewinnen sondern mit dem Geld immer neuer Anleger ausgezahlt.  Da dadurch aber die Zahl Anspruchsberechtigter immer weiter steigt muesste die Basis neugeworbener Anleger gegen unendlich gehen um die Ansprueche zu decken. Das System bricht genau dann zusammen, wenn die auszuzahlenden Gewinne die Einlagen neuer Kunden uebersteigen.

Warum das umlagefinanzierte Rentensystem KEIN Pyramidenspiel ist

Die Tatsache, dass es sich bei einem Pyramidenspiel um ein Umlageverfahren handelt wurde sogleich von Gegnern staatlicher umlagefinanzierter Rentensysteme, vornehmlich Anhaengern der oestereichischen Schule der Oekonomie genutzt um diese als vermeintlichen „Ponzi-Trick“ zu „entlarven“ und zu diskreditieren. So schreibt Gernot Kieseritzky im Blog der eigentuemlich frei:

Vielleicht mag es den ein oder anderen Leser überraschen, aber auch das Rentensystem beruht auf dem Ponzi-Modell, das im Grunde genommen nichts anderes als ein Umlageverfahren ist. Die ausgezahlten Renten werden direkt durch die laufenden Versicherungsbeiträge finanziert, und nicht aus etwaigen, mit „eingezahlten“ Versicherungsbeiträgen erwirtschafteten Kapitalvermögen. Das geht nur solange gut, wie Einzahler und Leistungsbezieher sich die Waage halten. Seit geraumer Zeit ist das nicht mehr der Fall, weshalb das System nur durch milliardenschwere Steuerzuschüsse, die letztlich auch der Arbeitnehmer tragen muss, am Leben gehalten wurde. Die Tatsache, dass unser Rentenschneeballsystem bereits seit über fünfzig Jahren bestehen konnte, lässt sich nur dadurch erklären, dass seine Anleger zur Zahlung gesetzlich verpflichtet worden sind – auch wenn sie den Betrug längst durchschaut haben. Davon dürften Carlo Ponzi oder Bernard Madoff wohl geträumt haben.

Richtig, Ponzi-tricks sind Umlagesysteme, haben wir ja auch schon festgestellt. Allerdings besitzen sie auch Pyramidencharakter. Rentensysteme besitzen diesen nicht. Anspruch auf Rente besteht nur solange man lebt, mit dem Tod verlischt dieser. Bei einem Pyramidenspiel verlischt der Anspruch erst mit Rueckkauf der Anteilsscheine durch den Emmitenten. Der dann untergeht, wenn zu viele Anleger ihre Anteile ausbezahlt haben wollen. Bei einem Pyramidenspiel ist der Fall dass „Einzahler und Leistungsbezieher sich die Waage halten“ zwar theoretisch moeglich, praktisch jedoch nicht, da zur Koederung sehr hohe Renditen versprochen werden. Und sich genau dadurch schnell die Pyramide aufbaut, da immer mehr neue Anleger benoetigt werden um diese hohen Renditen auszubezahlen. Sprich: ein Pyramidenspiel in dem sich Einzahler und Leistungsbezieher die Waage halten waere so unattraktiv, dass gar keiner einzahlen wuerde.

Bei einem umlagefinanzierten Rentensystem ist der Fall, dass „Einzahler und Leistungsbezieher sich die Waage halten“ eigentlich die Regel. Verschiebungen gibt es natuerlich, da die Anzahl der Rentner (also Anspruchsberechtigter) aber nicht unendlich steigen kann, und diese bei ihrem Ableben also Ausstieg aus dem System auch nicht die eingezahlten Beitraege nebst Rendite zurueckfordern, kann das gesamte System von der Seite der Anspruchsberechtigen her eigentlich nicht zusammenbrechen. Und auch die Anzahl der Arbeitenden, sprich der Einzahler kann nicht gegen null gehen, oder kann sich jemand ausser ein paar Libertaeren, die den wohlfahrtsstaatsverschuldeten Untergang der Arbeitswelt schon seit Jahren herbeireiden, vorstellen, dass keiner mehr Arbeitet und in das Rentensystem einbezahlt. Sinkt die Arbeitslosigkeit, steigen die Loehne, dann ist es auch um die Finanzierung der Rente besser gestellt, bei Massenarbeitslosigkeit und Lohnstagnation muessen eben zusaetzlich Steuermittel aufgebracht werden. Aber um ein „Rentenschneeballsystem“ handelt es sich bei unserer Gesetzlichen Rentenversicherung nicht, sorry Herr Kieseritzky, das ist totaler Unsinn, da haette schon ein Blick in die wikipedia genuegt:

Als Schneeballsystem oder Pyramidensystem werden Geschäftsmodelle bezeichnet, die zum Funktionieren eine ständig wachsende Zahl Teilnehmer benötigen. Gewinne für Teilnehmer entstehen beinahe ausschließlich dadurch, dass neue Teilnehmer einsteigen und Geld investieren.

Es ist schon erstaunlich, dass gerade jetzt, da etliche private Rentenfonds von der Pleite bedroht sind, das gesetzliche Rentensystem so diskreditiert werden soll.

Berufskrankheit Gedaechtnisschwund

Posted in Sierra Leone on Januar 12, 2009 by staunenundwundern

Wir kennen das ja aus Deutschland. Politiker neigen zu einer selektiven Wahrnehmung der Vergangenheit. Z.B. wenn es um die Verantwortung fuer die Finanzkrise geht. Da wollen sich Merkel & Co. ploetzlich nicht mehr daran erinnern, dass sie es waren, welche Kreditverbriefungen so toll fanden, dass sie diese auch in Deutschland erlauben wollten.

Einen besonders schwerer Fall von Gedaechtnisverlust muss man auch den Parlamentarieren von Sierra Leone attestieren. Diese haben naemlich juengst den Titel des Ehren-Abgeordneten an Colonel Ghaddaffi, seines Zeichens Revolutionsfuehrer von Lybien verliehen. Dieser befindet sich derzeit im Land, um zum einen mit der neuen Militaerregierung im Nachbarland Guinea zu verhandeln, zum anderen um einen neuen islamischen Wellness-Komplex mit Moschee, Schule, Wohnungen… in Freetown einzuweihen. Ausserdem hat er auch noch weitere Wohltaetigkeiten wie Traktoren im Gepaeck um die Entwicklung in seiner „zweiten Heimat“ voranzutreiben.

Vor dem Parlament hielt er dann auch eine flammende Rede, in der er den Kolonialismus fuer den desolaten Zustand des Kontinents verantwortlich machte, sich fuer die Einheit des Kontinents (unter Fuehrung Lybiens) und die Bildung gesamtafrikanischer Streitkraefte aussprach, welche zur Verteidigung der Resourcen des Kontinents vor fremden Zugriff dienen sollen. Klar fuer solche Visionen darf man schon mal Ehrenparlamentarier werden.

Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, welche Verantwortung Ghaddaffi selbst fuer die desolate Lage Sierra Leones traegt. Der Berufsrevolutionaer hatte naemlich waehrend des Buergerkrieges in den 90ern die Kaempfer der „Revolutionary United Front“ (RUF) ausgebildet und mit Waffen unterstuetzt. Damals war das ein Hobby des Lybischen Dauercampers, alle moeglichen Gruppierungen zu unterstuetzen, welche einen umstuerzlerischen Anmspruch hegten, auch wenn sich dieser wie im Falle der RUF in erster Linie auf die Kontrolle der Diamantenminen beschraenkte.

Das jedoch scheint aus dem Gedaechtnis der Parlamentarier verschwunden zu sein, die dem panafrikanischen Popstar und seinen Cheerleadern (seiner weiblichen Leibgarde) huldigten. Und das trotz eines Berichts der „Truth and Reconciliation Commission“, welche von der Regierung ins Leben gerufen wurde. Dieser befasst sich naemlich ausfuehrlich mit Lybiens Rolle waehrend des Buergerkriegs und kommt – in Uebereinstimmung mit dem UN Sondergerichtshof fuer Sierra Leone – zu dem Ergebnis, dass dieses Land, neben Liberia und Burkina Faso zu den Hauptunterstuetzern der RUF gehoerte.

Waehrend jedoch Liberias Praesident Charles Taylor und RUF-Fuehrer im Gefaengnis ihre Strafe verbuessen oder auf die Verurteilung warten, wurden die Anklagen gegen Ghaddaffi nicht mehr weiterverfolgt und so kann man heute tun, als waere nix passiert. Klar, der Colonel bringt Geld ins Land und Technologie, da kann man seine Rolle waehrend des Buergerkrieges ignorieren. Jedoch sollten seine Hilfen als selbstverstaendlich angesehen und nicht auch noch durch Ehrenbezeugung belohnt werden.

Dies war in den Leonesischen Tageszeitung DAS beherrschende Thema schlechthin und es wurden erbitterte Streitgespraeche gefuehrt. Dafuer war der erneute Palaestinakonflikt hier dankenswerterweise keiner Erwaehnung wert.

Strassenhandel

Posted in Sierra Leone with tags , , , on Januar 6, 2009 by staunenundwundern

Ich habe mich in den letzten Tagen redlich bemueht, Zeichen vorranschreitender Entwicklung in Sierra Leone auszumachen. Allerdings befindet sich die Wirtschaft des Landes doch in einem ziemlich desolaten Zustand. Wirklich unglaublich: In Freetown, der Hauptstadt einer Kafeebohnen exportierenden Nation ist es beinahe ein Ding der Unmoeglichkeit einen frischgebruehten Kaffee zu bekommen. Ueberwiegend wird Nescafe angeboten und der ist erstens teuer weil importiert und zweitens zumindest fuer mich eine Zumutung.

Immerhin gibt es eine Brauerei in Freetown sowie eine Softdrink-Fabrik in der neben Coca Cola auch super leckeres Bitter Lemon hergestellt wird. Die Wassertanks, welche der Versorgung der Haeuser dienen sowie Mineralwasser in Plasik eingeschweisst sind ebenfalls made in Sierra Leone. Fuer das noetigste an Getraenken ist also gesorgt.

 Auch Baustoffe werden im Land produziert, die Art zu Bauen unterscheidet sich allerdings sehr von dem was wir in Deutschland gewohnt sind. Gebaut wird immer nur wenn gerade Geld vorhanden, was regelmaessig nicht der Fall ist und daher findet man im ganzen Land Rohbauten in den den unterschiedlichsten Stadien. Man fuehlt sich an die Bauruinen in Spanien erinnert, nur dass es sich hier nicht um Ruinen handelt, ist halt alles „in progress but small small“ wie man hier sagt. Vielleicht sollten die deutschen Bausparkassen Entwicklungshilfe leisten. Zur Zierde besonders beliebt sind antik anmutende Saulen die das Dach der Veranda tragen und made in Sierra Leone sind. Wenn das Heim erstmal fertig ist soll es ja auch schmuck aussehen. Bis es soweit ist wird das Grundstueck allerdings von den Aermeren besiedelt, die hier ihre Zelte vulgo Wellblechhuetten aufschlagen.

Tja, was gibt es hier sonst noch? Eine Eisenbahn jedenfalls nicht mehr, wobei ich nicht weiss, wo diese hinverschwunden ist. Genaue Auskunft konnte mir keiner geben, angeblich wurde die gesamte Infrastruktur nach dem Krieg verscherbelt, Wiederaufbau war wohl zu teuer und die Regierung brauchte Geld um die eigenen Taschen zu fuellen. Vom Rohstoffabbau (Rutil, Bauxit, Diamanten) hat das Land nicht allzu viel, da die Minenbetreiber so gut wie keine Steuern zahlen und somit einer beliebten Tradition dieses Landes folgen.

Die meisten Leonesen leben immer noch von der Landwirtschaft. Das Hauptnahrungsmittel ist Reis, welcher zum Teil importiert werden muss, da die miese Infrastruktur den Transport von den Anbaugebieten ins dichtbesiedelte Freetown zu teuer macht. Eine Sensation sind die Fruechte, Ananas und Papayas sind so lecker, dass man sich wie im Paradies fuehlt. Die Mango-Saison hat gerade begonnen, ich freu mich schon auf meine erste.

Das Transportgewerbe ist mir einen eigenen Eintrag wert.

Wer in den obenen genannten Bereichen keine Arbeit findet und das sind eine ganze Menge Leonesen, der startet seine eigene „Enterprise“ oder betreibt „petty trading“. Grundlage von ersterem ist eine winzige Huette welche als Basis fuer den Handel mit allem dient dessen man habhaft werden kann. Hier z.B. ein Bild vom lokalen Media Markt:

Media Markt in Freetown

Fuer letzeres benoetigt man einen Korb mit dem man z.B. Kekse, Suessigkeiten, Zigaretten, Sonnenbrillen und Aehnliches auf dem Kopf spazieren traegt um dies den Passanten anzupreisen. Wer das Kapital besitzt um in eine Schubkarre und eine Machete zu investieren kann in das lukrative  Coconut-business einsteigen:

coconut business

TIA – This is Africa

Posted in Sierra Leone with tags , , on Januar 5, 2009 by staunenundwundern

Jetzt bin ich schon ueber eine Woche hier in Sierra Leone und sitze das erste mal an einem Rechner mit einigermassen akzeptabler Internet-Verbindung –  TIA. „Das ist Afrika“ hoert man hier staendig wenn mal wieder nix geht.

 Map of Sierra Leone

Die ersten Tage habe ich in Freetown und Umgebung verbracht.  Die Stadt ist wunderschoen am Atlantik gelegen, eingebettet in die umgebenden Huegel an deren Haenge sich Wellblechhuetten oder imposante Herrenhaeuser schmiegen, je nach Viertel. Wir wohnen in Hill Station, einem der besseren Wohngebiete hoch ueber Downtown.  Von hieraus faehrt man mit dem Taxi im Leerlauf in die Innenstadt. Was auffaellt ist die massive Werbung der Telekom-Unternehmen. Diese Streichen den Leuten ihre Huetten neu, in den Farben der jeweiligen Gesellschaft und so erstrahlen viele an sich armseelige Huettchen im Orange von AfriCell oder im Neon-violett und gruen von Zain, den dominierenden Farben Sierra Leones.

Das Highlight des Landes sind die traumhaften Straende die insbesondere die Kuesten der Freetown-Halbinsel saeumen:

Hamilton Beach

Auf dem Bild kann man auch die Landesflagge erkennen. Gruen fuer den Dschungel, weiss fuer den Sandstrand und blau fuer den Ozean.

Es ist allerdings nicht ganz einfach zu den Straenden zu gelangen, da die Strassen in einem miserablen Zustand sind. Alle paar hundert Meter kommt man an Schranken Marke Eigenbau, die von Jugendlichen errichtet wurden, welche Geld fuer die Reparatur der Fahrbahn verlangen. Gegeben haben wir denen aber nie etwas, da erst wenn sich ein Auto naehert einer aufspringt um mit der einzigen Schaufel etwas Sand in ein Schlagloch schippen. Anschliessend stehen dann 5 Jungs um den Wagen und warten auf Belohnung um dann nach kurzer Zeit resigniert die Schranke zu heben. Daran sieht man mal wieder dass die Verkehrsinfrastruktur in private Hand gehoert und der Staat sich raushalten sollte.    

Am Neujahrstag pilgern die Buerger von Freetown traditionell zu den Straenden vor der Stadt um dort mit der Familie zu feiern. Wir haben uns angeschlossen und fuer den Rueckweg von ca. 25 km 3 Stunden gebraucht, weil wir im Stau standen. „When everybody follows tradition the result will be a traffic jam“ ist mir dazu nur eingefallen.