Berufskrankheit Gedaechtnisschwund

Wir kennen das ja aus Deutschland. Politiker neigen zu einer selektiven Wahrnehmung der Vergangenheit. Z.B. wenn es um die Verantwortung fuer die Finanzkrise geht. Da wollen sich Merkel & Co. ploetzlich nicht mehr daran erinnern, dass sie es waren, welche Kreditverbriefungen so toll fanden, dass sie diese auch in Deutschland erlauben wollten.

Einen besonders schwerer Fall von Gedaechtnisverlust muss man auch den Parlamentarieren von Sierra Leone attestieren. Diese haben naemlich juengst den Titel des Ehren-Abgeordneten an Colonel Ghaddaffi, seines Zeichens Revolutionsfuehrer von Lybien verliehen. Dieser befindet sich derzeit im Land, um zum einen mit der neuen Militaerregierung im Nachbarland Guinea zu verhandeln, zum anderen um einen neuen islamischen Wellness-Komplex mit Moschee, Schule, Wohnungen… in Freetown einzuweihen. Ausserdem hat er auch noch weitere Wohltaetigkeiten wie Traktoren im Gepaeck um die Entwicklung in seiner „zweiten Heimat“ voranzutreiben.

Vor dem Parlament hielt er dann auch eine flammende Rede, in der er den Kolonialismus fuer den desolaten Zustand des Kontinents verantwortlich machte, sich fuer die Einheit des Kontinents (unter Fuehrung Lybiens) und die Bildung gesamtafrikanischer Streitkraefte aussprach, welche zur Verteidigung der Resourcen des Kontinents vor fremden Zugriff dienen sollen. Klar fuer solche Visionen darf man schon mal Ehrenparlamentarier werden.

Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, welche Verantwortung Ghaddaffi selbst fuer die desolate Lage Sierra Leones traegt. Der Berufsrevolutionaer hatte naemlich waehrend des Buergerkrieges in den 90ern die Kaempfer der „Revolutionary United Front“ (RUF) ausgebildet und mit Waffen unterstuetzt. Damals war das ein Hobby des Lybischen Dauercampers, alle moeglichen Gruppierungen zu unterstuetzen, welche einen umstuerzlerischen Anmspruch hegten, auch wenn sich dieser wie im Falle der RUF in erster Linie auf die Kontrolle der Diamantenminen beschraenkte.

Das jedoch scheint aus dem Gedaechtnis der Parlamentarier verschwunden zu sein, die dem panafrikanischen Popstar und seinen Cheerleadern (seiner weiblichen Leibgarde) huldigten. Und das trotz eines Berichts der „Truth and Reconciliation Commission“, welche von der Regierung ins Leben gerufen wurde. Dieser befasst sich naemlich ausfuehrlich mit Lybiens Rolle waehrend des Buergerkriegs und kommt – in Uebereinstimmung mit dem UN Sondergerichtshof fuer Sierra Leone – zu dem Ergebnis, dass dieses Land, neben Liberia und Burkina Faso zu den Hauptunterstuetzern der RUF gehoerte.

Waehrend jedoch Liberias Praesident Charles Taylor und RUF-Fuehrer im Gefaengnis ihre Strafe verbuessen oder auf die Verurteilung warten, wurden die Anklagen gegen Ghaddaffi nicht mehr weiterverfolgt und so kann man heute tun, als waere nix passiert. Klar, der Colonel bringt Geld ins Land und Technologie, da kann man seine Rolle waehrend des Buergerkrieges ignorieren. Jedoch sollten seine Hilfen als selbstverstaendlich angesehen und nicht auch noch durch Ehrenbezeugung belohnt werden.

Dies war in den Leonesischen Tageszeitung DAS beherrschende Thema schlechthin und es wurden erbitterte Streitgespraeche gefuehrt. Dafuer war der erneute Palaestinakonflikt hier dankenswerterweise keiner Erwaehnung wert.

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