Die Drogenabhängigen im Iran

Auch wenn mich die derzeitigen Ereignisse im Iran tief bewegen und meine Gedanken mit den vielen Menschen sind, die endlich wieder den Aufstand gegen das Mullah-Regime wagen, ich hatte mir vorgenommen, nichts darüber zu schreiben. Denn eigentlich ist es müßig, den vielen Stimmen, die meinen sich jetzt zur gefälschten Wahl und deren Folgen Iran äußern zu müssen noch eine hinzuzufügen. Vor allem weil ich eigentlich nichts weltbewegendes dazu zu sagen habe. Aber jetzt muss ich doch noch was schreiben.

Am wenigsten hätte es im Grunde Jürgen Elsässer verdient, dass ich sein unqualifiziertes Blabla kommentiere. Dieser glaubt natürlich, weil er selbsternannter Imperialismus-Experte ist, die soziale und politische Herkunft der Demonstranten im Iran genau verorten zu können. Und das liest sich dann so:

Und die Leute, die dagegen demonstrieren, sind erkennbar eine kleine Minderheit: Die Jubelperser von USA und NATO. Hat jemand die Girlies gesehen, die da in bestem Englisch in die Mikrofone von CNN und BBC heulen? Das sollen die Repräsentanten des iranischen Volkes sein, oder auch nur der iranischen Opposition? Da lachen die Hühner im Capitol! Hier wollen Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals eine Party feiern. Gut, dass Ahmidenedschads Leute ein bisschen aufpassen und den einen oder anderen in einen Darkroom befördert haben.

Denn für Elsässer ist der Machtkampf im Iran ein Kampf zwischen Tradition, gepflegt von den arbeitenden Massen, und dem Hedonismus der faulen Plutokratie:

Auf der einen Seite die arbeitenden Klassen, das Proletariat und die Bauern, auf der anderen Seite die aufsteigenden städtischen Mittel- und etablierten Oberschichten. Soziologisch gesehen. Von der Psychostruktur her denken erstere traditionell, hängen an ihrer Kultur, an ihren Werten, an ihrer Familie, an ihrer Nation, an ihrer Religion. Dies alles verachten die Yuppies. Sie propagieren einen werte- und bindungslosen Ultraindividualismus. 

Seine Kenntnisse über die iranische Bevölkerungsstruktur hat Herr Elsässer ganz sicher auf vielen Reisen in dieses Land erworben. Zumindest suggeriert er dies, indem er sein Blog durch ein Bild der Si-O-Seh-Pol in Esfahan schmückt. Wahrscheinlicher jedoch gehört er zu denen, die im Internet nach Bestätigungen für ihre Weltsicht suchen anstatt mal das Gehirn auf einer langen Reise gründlich auszulüften.

Nun, ich selbst habe den Iran 2006 bereist. In Teheran war ich Gast in einem Studenten-Wohnheim. Meine Kommilitonen waren zumeist der „aufsteigenden städtischen Mittelschicht“ zuzuordnen. Als Ausländer genießt man im Iran das manchmal etwas anstrengende Privileg, dass wirklich jeder das Gespräch mit einem sucht. Ich gewann also in zahlreichen Unterhaltungen folgenden Eindruck: Gerade weil das öffentliche Leben von der islamischen Diktatur beherrscht wird, suchen die Perser die Freiheit im kleinen Kreis der Familie. Ein persischer Freund brachte dies folgendermaßen auf den Punkt: „Die Iraner sind ein sehr offenes Volk, nur nicht in der Öffentlichkeit.“ Von der angeblichen Verachtung der Familie also keine Spur. Auf die persische Kultur und Geschichte waren ausnahmslos alle meiner Mittelschichts-Kommilitonen Stolz, gepaart mit einer gewissen Verachtung für die arabischen Barbaren. Neben Diskussionen über die glorreiche persische Vergangenheit waren Gespräche über Religion an der Tagesordnung. Für mich als Teilzeit-Atheisten mit regelmäßigen religiösen Anwandlungen war das eine ziemliche Herausforderung. Ich wurde häufig gebeten, meine eigene (rudimentär vorhandene) Religion zu erklären und die Muslime haben versucht, mir den Islam näher zu bringen. Die Gespräche waren entspannt und haben großen Spass gemacht. Von Verachtung gegenüber Religionen war nichts aber auch gar nichts zu spüren. Eigentlich kann ich Elsässer und anderen Iran-Experten nur empfehlen mal wirklich das Land zu bereisen. Und sich mit den Menschen einfach mal über ihre bescheidenen Wünsche und Vorstellungen, ihre Werte und Religion zu unterhalten. Das ist auf jeden Fall besser als das Internet nach Meinungen zu suchen, die das eigene Weltbild festigen.    

Richtig böse wurde ich jedoch als ich den Ausdruck „Teheraner Drogenjunkies“ las, mit dem Elsässer die Demonstrierenden titulierte. Was maßt sich dieser Mensch eigentlich für Urteile an? Und auf welcher Kenntnislage? Weiß der Herr irgendetwas über die Drogenprobleme im Iran? Wenn er denkt, dies wäre ausschließlich das Freizeitvergnügen einer Oberschicht, während die arbeitende Klasse in Religion und Familie geborgen ist, dann irrt er sich gründlich.

Als wir unseren letzten Abend in der wunderschönen Stadt Yazd verbrachten, lernten wir in einem Eiscafé eine Gruppe Soldaten kennen, die uns in ihrem Militärtransporter mit zum Bahnhof nahmen. Gemeinsam fuhren wir im Nachtzug zurück nach Teheran. In dieser Nacht lernte ich noch einen ganz anderen Aspekt des Iran kennen. Einer der Soldaten arbeitete als Biologe am Teheraner Pasteur-Institut. Dort forschen Wissenschaftler an einer Impfung gegen Heroin mittels katalytischer Antikörper. Diese werden ins Blut eines ehemaligen Abhängigen gespritzt und sollen verhindern, dass dieser wieder rückfällig wird. Die katalytischen Antikörper bauen das Heroin ab, bevor es das Gehirn erreicht. Dies scheint auch dringend geboten, denn der Iran ist das Land mit dem größten Anteil Heroin-Süchtiger der Welt. Der Soldat bezifferte die Zahl der Abhängigen auf ca. 5-6 Millionen, das wären an die 8% der Bevölkerung. Auch in den westlichen Medien wurde dieses Problem thematisiert, z.B. bei der BBC oder der Washington Post. Betroffen ist vor allem die Unterschicht, die unter der hohen Arbeitslosigkeit im Land leidet.

Die Verfassung des „großen Satans“, der Vereinigten Staaten von Amerika stellt das Streben des Einzelnen nach Glück in den Mittelpunkt. Es ist nicht verwunderlich, dass in einem Land, in dem diesem Streben so enge Grenzen gesetzt werden wie im Iran, die Menschen dazu übergehen, sich das Glück lieber zu spritzen. Dies ist eigentlich eine Bankrott-Erklärung für den Gottesstaat. Elsässer sieht dies natürlich nicht, es passt ja nicht in sein Weltbild.

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Eine Antwort to “Die Drogenabhängigen im Iran”

  1. echter iraner Says:

    du hast dabei einige sachen ausser acht gelassen.
    die menschen im iran sind nicht drogenabhängig weil es ihnen angeblich schlecht geht.
    ganz im gegenteil, in dieser region ist der iran das land mit den besten lebensverhältnissen.
    die drogenabhängigkeit kommt durch die von der usa subventionierte drogenschmuggel aus afghanistan und durch korrupte politiker bzw. menschen mit macht.

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