Was ist Produktivität und wie lässt sie sich messen?

Im Zuge der von Peter Sloterdijk ausgerufenen „Revolution der gebenden Hand“ wurde der Karlsruher Paradephilosoph erstmals auch vom selbsternannten Zentralorgan des libertären Konservatismus (oder konservativen Libertarismus) Eigentümlich frei bemerkt. Diese Zeitschrift gefiel sich sonst eher darin Intelektuelle, die nicht gerade der „Östereichischen Schule“ angehörten zu ignorieren bzw. als linke Brandstifter darzustellen.

Nun hat Sloterdijk den Staat als ein „geldsaugende Ungeheuer“ von „beispielloser Dimension“ verortet, was natürlich genauso auf ef-Magazin-Linie liegt wie die Behauptung einer „Enteignung durch Einkommensteuer“.  Sloterdijk konstatiert: „Inzwischen hat man sich längst an Zustände gewöhnt, in denen eine Handvoll Leistungsträger gelassen mehr als die Hälfte des nationalen Einkommensteuerbudgets bestreitet.“ und weiter „Voll ausgebaute Steuerstaaten reklamieren jedes Jahr die Hälfte aller Wirtschaftserfolge ihrer produktiven Schichten für den Fiskus, ohne dass die Betroffenen zu der plausibelsten Reaktion darauf, dem antifiskalischen Bürgerkrieg, ihre Zuflucht nehmen.“

Ist es aber tatsächlich so, dass eine handvoll Leistungsträger mehr als die Hälfte des nationalen Einkommens bestreiten? Erstmal wird man feststellen: Klar, den entsprechenden Graphen des Einkommenssteueraufkommens nach Einkommensgruppen findet man bei Wikipedia, und es wird sofort ersichtlich, dass das nach Einkommen reichste Zehntel der Bevölkerung 50% der Einkommenssteuer bezahlt.

Nun ist das an sich ja eine interessante Debatte – die Ausbeutung der Produktiven. Allerdings hat diese bei mir eher die Frage aufgeworfen, ob und gegebenefalls wie man Produktivität messen kann. Sloterdijk schein zu implizieren – so zumindest meine Vermutung anhand der oben genannten Zahlen – dass diejenigen, die besonders produktiv sind die größte Steuerlast zu tragen hätten. Konsequent schreibt er auch „Tatsächlich besteht derzeit gut die Hälfte jeder Population moderner Nationen aus Beziehern von Null-Einkommen oder niederen Einkünften, die von Abgaben befreit sind und deren Subsistenz weitgehend von den Leistungen der steueraktiven Hälfte abhängt.“ Halten wir also fest: Der Erhalt auch derjenigen, die niedrige Einkommen auf dem Markt erzielen, hängt von den „produktiven Leistungsträgern“ ab. Das klingt so, als wäre der Beitrag den die gering entlohnten Arbeiter zur Prosperität einer Volkswirtschaft leisten vernachlässigbar.

Sloterdijk macht an dieser Stelle den Fehler, ein hohes Einkommen mit einer hohen Produktivität gleichzusetzten und niedriges Einkommen entsprechend mit einer geringen Produktivität. Dies ist jedoch grundlegend falsch. Weiter ist es falsch, die Menschen, die nur niedrige Einkommen erzielen und deshalb keine Steuern zahlen genauso als von den produktiven Steuerzahlern mitgetragen zu bezeichnen wie die reinen Transferempfänger. Ich möchte den so nicht vorhandenen Zusammenhang von Lohn und Produktivität anhand eines fiktiven Beispiels darlegen:

Ein Betriebsleiter (so nannte man Manager früher) verdient 15.000 € im Monat, seine Sekretärin 3.000 €, die Reinigungskraft, die sein Büro sauber hält 1.500 € (die Zahlen sind ebenso ganz fiktiv gewählt). Kann man sagen dass der Betriebsleiter fünf mal produktiver ist als seine Sekretärin und zehn mal produktiver als die Reinigungskraft? Nein, kann man nicht, denn die drei Protagonisten sind arbeitsteilig und als Einheit produktiv tätig. Wenn der Betriebsleiter seine gesamte Terminplanung und Aktensichtung selbst erledigen UND dazu noch sein Büro putzen müsste, dann wäre er bestimmt weniger produktiv als er es in einer welt der Arbeitsteilung tatsächlich ist. Alle drei tragen also gleichermaßen dazu bei, dass der Betrieb floriert. So weit, so trivial.

Der Lohn, den jemand für eine Arbeit erhält richtet sich danach, wie knapp seine entsprechende Profession auf dem Arbeitsmarkt ist. Gäbe es nun einen absoluten Überschuss an Betriebswirten, noch dazu alle mit Harvard-Diplom, aber nur eine Person, die weiss wie man effektiv putzt, dann würde letztere sicherlich fürstlich entlohnt, während erstere froh sein könnten überhaupt eine Anstellung zu erhalten (und womöglich auch noch selber putzen müssten, weil sich die Firma die profesionelle Reinigungskraft gar nicht leisten können).

Wir sollten uns demnach von der Vorstellung verabschieden, dass diejenigen, die besonders viel verdienen auch im gleichen Maße produktiver sind als ihre Kollegen. Ihr Fachwissen ist einfach knapper, weniger leicht auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Wenn Sloterdijk (den ich schon immer geschätzt habe) meint, dass wir durch den progressiven Steuersatz diejenigen am stärksten belasten, die am produktivsten sind, dann ist dies einfach ein Fehlschluss. Es werden diejenigen am höchsten besteuert, deren Arbeitskraft am meisten nachgefragt und am wenigsten angeboten wird.

Ich finde die unterschiedliche Entlohnung moralisch auch überhaupt nicht verwerflich, immerhin kostet es Zeit und Anstrengung sich unentbehrlich zu machen. Man sollte jedoch immer im Hinterkopf behalten: Gäbe es all die Menschen die niedrig entlohnte Arbeit machen nicht, dann müssten all die hochbezahlten Leistungsträger diese Arbeit selbst machen. Ihre Produktivität würde sinken, und somit auch der Lohn, den das Unternehmen für ihre Arbeit zahlen kann.

Damit will ich übrigens nicht den Steuerstaat verteidigen. Ich bin jedoch der Meinung, dass man diesem Denkschema: „Hohes Einkommen = Hoher Produktivität“ durchaus etwas entgegen setzten sollte. Man denke nur ans Investmentbanking der letzten Jahre:

Hohe Lohneinkünfte bei negativer Produktivität 🙂

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