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Klassiker der Ökonomie: eine Kritik und eine Empfehlung

Posted in Wirtschaft & Politik with tags , , , on Dezember 7, 2008 by staunenundwundern

Ich besitze ein interessantes kleines Buch welches mir freundlicherweise kostenlos von der Lobbyorganisation INSM, der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft zur Verfügung gestellt wurde. Die „Klassiker der Ökonomie“ – herausgegeben von Michael Hüther, dem Direktor des „Instituts der Deutschen Wirtschaft„, welches von vom Bundesverband der deutschen Industrie und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber getragen wird. Die Interessenvertretung der Arbeitgeber hat es sich also zur hehren Aufgabe gemacht dem gemeinen Bürger das ABC der Ökonomie näher zu bringen – löblich! Vorgestellt (in einer Zusammenfassung von getAbstract) und interpretiert (von willfährigen Ökonomen) werden 15 bedeutende Vertreter dieser Zunft. Es liegt mir natürlich fern der INSM und dem Herausgeber Absichten manipulativer Art zu unterstellen, immerhin wurden die einzelnen Ökonomen 2005 zum ersten Mal als Beilage zur Financial Times Deutschland gereicht (als Klassiker kompakt und ohne Interpretation) und der vertraue ich ja. Andere jedoch haben den Bildungsanspruch von INSM und IDW kritischer begleitet.

Aber beginnen wir mit der Auswahl der Ökonomen. Den Anfang macht Adam Smith. Marx ist auch dabei, allerdings nur mit einer Übersicht des „Kommunistischen Manifests“. Das „Kapital“ – ob seines Umfangs – wollte bei getAbstact wahrscheinlich keiner lesen. John Maynard Keynes darf ebenso wenig fehlen wie die heiligen drei Könige des Liberalismus, Ludwig von Mises, Friedrich August  von Hayek und Milton Friedman sowie der Gralshüter der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhard. Letzterer hat zwar nie ein bedeutendes wissenschaftliches Werk verfasst, sein Buch „Wohlstand für alle“, das eher autobiographisch die Wiedergeburt der Deutschen Marktwirtschaft begleitet wurde trotzdem für Wert befunden vorgestellt zu werden. Ich persönlich hätte die Aufnahme von John Kenneth Galbraith in diesen Reigen passender gefunden. Nicht zuletzt wegen seiner Analyse der Wirtschaftskrise 1929, aber gut der war ja linksliberal. Oder eher noch den Begründer des Ordoliberalismus Walter Eucken.

Und tatsächlich wollte die INSM Walter Euckens Werk „Die Grundlagen der Nationalökonomie“ in ihren Bildungskanon aufnehmen. Dies wurde jedoch von Walter Oswalt, dem Enkel Euckens verhindert. Der hat die Rechte an Euckens Nachlass inne und lies die Veröffentlichung durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Frankfurt am Main verhindern. Die Begründung hierfür kann man z.B. in der Berliner Zeitung vom 27.01.2005 nachlesen:

Bei der schwierigen Kürzung des 300-Seiten-Werkes auf Broschüren-Format (vorgenommen von einer Firma namens Getabstract) sei Euckens Werk sinnentstellt wiedergegeben worden. Und es wimmle von Fehlern im Beitext. Da werde etwa erfunden, der NS-Gegner Eucken habe 1943 zusammen mit dem Nationalsozialisten Alfred Müller-Armack ein Werk namens „Grundlagen der Sozialen Marktwirtschaft“ herausgegeben.

Oswalt ist entsetzt über die Fehler und hat einen Verdacht. Schließlich geht es hier um die Kirchenväter des westdeutschen Wirtschaftsdenkens. Und die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ ist eine von der Industrie geförderte Lobbygruppe, die die deutsche öffentlichkeit auf Reformkurs bringen will, indem sie rhetorisch an die Ursprünge der Sozialen Marktwirtschaft nach dem Krieg anknüpft. Wollten die nun neben Ludwig Erhard und Müller-Armack plötzlich auch Eucken für sich vereinnahmen? Der aber war ein Radikalliberaler, dem schon diese Lobby ein Greuel wäre, meint Oswalt; er war ein Kämpfer nicht gegen den Missbrauch wirtschaftlicher Macht, sondern gegen wirtschaftliche Macht schlechthin.

Eucken wäre die INSM nicht nur ein Greuel gewesen, wie es in diesem Artikel heisst. Er hat interessensgebundene und ideologisch durchtränkte Ökonomie als schlichtweg unwissenschaftlich abgelehnt. In eben diesen „Grundlagen der Nationalökonomie“ schreibt er (Seite 14f, 9. Auflage, Springer-Verlag):

Wenn aber Wissenschaft und Interessentenideologie ineinanderfließen, verliert die Wissenschaft ihren Wert und der Einfluss der Interessentenideologie wird verstärkt. – Oder schließlich: Man sieht nach dem Vorgang von MARX und der modernen Existenzialphilosophie im geistigen Leben nur einen Reflex der jeweiligen Lebenssituation. Dann wird zwar erkannt, dass die Meinungen und Ideologien situations- und machtgebunden sind. Aber die entscheidende Frage, ob es möglich ist sich aus dieser Situation zu befreien, wird ohne weiteres verneint. Wäre das richtig, dann fehlte der Nationalökonomie – wie jeder anderen Wissenschaft – das Lebensrecht. Sie enthielte nur einige weitere Meinungen und Interessentenideologien, von denen es doch wahrhaftig schon genug gibt. Wie also lassen sich die Zusammenhänge des konkreten wirtschaftlichen Alltags wahrhaft und unter Loslösung von interessenbestimmten, subjektiven Ansichten erklären?

Nach Eucken hat also weder das Wirken von arbeitgeber- wie auch arbeitnehmernahen Wirtschaftsinstituten einen wissenschaftlichen Wert. Denn diese sollen nicht neutrale Ergebnisse produzieren sondern Ergebnisse, welche in das Weltbild der jeweiligen Interessenten passen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft wird also immer angebotsorientierte Wirtschaftspolitik empfehlen, das gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Institut immer Nachfrageorientierte.

Und tatsächlich trieft die Ideologie schon aus dem Vorwort zu den „Klassikern der Nationalökonomie“. Denn laut Michael Hüther gehört John Maynard Keynes zu den am meisten missverstandenen Ökonomen. Er habe seine „Allgemeine Theorie“ angesichts der Krise 1929 geschrieben, damals sei seine Diagnose mangelnder Nachfrage zutreffend gewesen. Heute jedoch sei die Angebotsseite eingeschränkt und müsse gestärkt werden. Um dem ganzen die Krone aufzusetzen(Seite11, bpb Schriftenreihe Band 611):

Wer sich mit dem Hauptwerk von Keynes vor dem Hintergrund der historischen Gegebenheiten auseinandersetzt, wird zum Schluss kommen, dass sich Keynes heutzutage nicht als Keynesianer bezeichnen würde.

Aha, und demnächst stellt das Hans-Böckler-Institut fest, dass von Hayek eigentlich kein Radikal-Liberaler war, und Gewerkschaften heute toll finden würde. Im Übrigen ist es stilistisch eine Todsünde, im Vorwort schon Behauptungen zum besten zu geben, welche dem eigentlichen Buch vorgreifen und das willkürlich und ohne Quellenangaben.

Ein interessengeleitetes Buch also, aber da es von der INSM kostenlos zur Verfügung gestellt wird kann man über eine Anschaffung durchaus nachdenken. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung – ursprünglich Mitherausgeber – ist das Werk zum Glück nicht mehr erhältlich. Offenbar hat da jemand gemerkt, dass es hier weniger um Bildung als um Ideologie geht.

Wer sich einen wirklich umfassenden Überblick über die wichtigsten Werke der Wirtschaftswissenschaften verschaffen möchte, dem sei die „Zeit-Bibliothek der Ökonomie: Die Hauptwerke der wichtigsten Ökonomen“ empfohlen. Zum einen werden wesentlich mehr Denker und deren Werke vorgestellt, zum anderen kommt das Buch nicht im pseudowissenschaftlichen Gewand daher und von einer einseitigen Interpretation wird abgesehen. Die einzelnen Beiträge kann man kostenlos auf der Zeit-homepage nachlesen. Walter Eucken ist übrigens auch mit dabei.